
Bei einer großen Spedition in Wuppertal fing ich im Büro an. Meine Lieblingsbeschäftigung war es, am Samstag die großen Fernzüge auf dem Betriebsgelände in Reih' und Glied zu stellen, was meinem Chef sehr imponierte. Das Rangieren mit den LKWs faszinierte mich, und ich wusste, dass ich nicht lange im Büro sein würde. Mit 21 machte ich meinen Klasse I und Klasse II Führerschein, den mir mein Chef bezahlte. Von da an war ich nicht mehr zu halten. Ich tauschte meinen Bürostuhl gegen einen LKW.
Und noch etwas ließ mich nicht mehr los: Motorradfahren. Das ganze Jahr war ich in meiner Freizeit mit dem Motorrad unterwegs. Drei mal nahm ich am "Elefantentreffen" teil, wo sich nur die harten Motorradfreaks treffen. Es findet jedes Jahr am ersten Februarwochenende statt. In Motorradkreisen hatte ich mit meinen Gewalttouren schnell einen Namen. Eine meiner Spezialitäten: von Wuppertal zur Eigernordwand nonstop 2000 km zum Kaffeetrinken.
Bis zu meinem 34. Lebensjahr konnte mich nichts von meiner geliebten 1000er Kawa trennen. Ich durchfuhr in den Jahren all die Länder, die mir gefielen: Italien, Schweiz (alle Pässe), Frankreich, Beneluxländer und England. Dann hatte ich einen schweren Unfall, an dem ich nicht Schuld war. Das mir nichts ernsthaftes passiert war verdanke ich meinen zahlreichen Schutzengeln, doch von da an fuhr die Angst mit und ich wurde unsicher. Die Folge war, dass ich mit dem Motorradfahren aufhörte und eine neue innerliche Herausforderung suchte.
Die neue Herausforderung:
So zog ich 1983 von Wuppertal nach Mittenwald (Obb.). Weiterhin fuhr ich für meine Spedition, die mich jetzt in Italien einsetzte. Durch einen Bekannten lernte ich einen guten Marathonläufer aus Mittenwald kennen, der mich überredete an einem 10 km Lauf in München teilzunehmen (Silvester 1984). Mit Norwegerpulli und Tennisschuhen lief ich meine ersten 10 km an einem Stück. Trotzdem konnte ich mich bei 800 Läufern auf den 340. Platz einreihen. Mein Bekannter war begeistert von mir und redete nun unermüdlich auf mich ein weiterzumachen. Auch mir hatte es Spaß gemacht. Er meinte, wenn ich noch drei bis vier mal in der Woche trainieren würde, könnte aus mir noch was werden. Da ich sehr ehrgeizig bin, wollte ich beim nächsten Rennen besser sein. Nur als Fernfahrer konnte ich schlecht zu einer bestimmten Zeit trainieren. Da ich fast nur in Italien fuhr und beim Be- und Entladen lange Wartezeiten hatte, nahm ich von nun an Laufschuhe und -Hose mit. Wenn ich irgendwo drei Stunden warten musste, ging ich davon eineinhalb Stunden laufen.
Von nun an war ich "infiziert" und wurde immer besser. Nach neun Monaten lief ich meinen ersten Marathon in Berlin in 3:03h, knapp an der Drei-Stunden Marke vorbei. Meine "Sucht" wurde immer stärker. Bald galt ich als der "schnellstlaufende Fernfahrer" in Deutschland. Meine Marathonzeiten wurden immer besser. Die Kraft dafür holte ich mir bei großen Bergläufen (Osterfelder, Kitzbühler Horn, Matterhorn, Kanzelwand usw.). Obwohl ich Samstagsmorgens müde von meinen Italientouren zurückkam, fand ich beim Laufen Entspannung und innerliche Ruhe. Dank meiner Disziplin verbesserte ich meine Marathonzeit bis auf 2:34h.
Dann stand mir ein Berufswechsel mit Umzug nach Nürnberg bevor. Nach 15 Jahren auf Südeuropas Strassen hängte ich mein Lenkrad an den Nagel. Man bot mir bei einer großen Firma in Nürnberg einen Posten als Schichtführer im Versand an. Ich überlegte nicht lange, konnte ich doch jetzt jeden Tag trainieren. Also ging es im Oktober 1988 nach Nürnberg. Hier stürzte ich mich natürlich gleich ins örtliche Laufgeschehen. Durch meine guten Resultate lernte ich bei einem Wettkampf den 100 km-Läufer Hartmut Häber kennen. Sofort war ich von der Strecke 100 km fasziniert. So weit am Stück zu laufen war für mich damals unvorstellbar, aber ich hatte "Blut geleckt".

